Die Pflege als Schlüssel

Akademisierung, Internationalität und Anerkennung
erreichen die Gesundheitsberufe

Mai 2020

Im weltweiten Vergleich übernehmen Pflegekräfte in anderen Ländern, beispielsweise in Lateinamerika oder Vietnam, mehr Verantwortung im Krankenhaus als in Deutschland. So wird das Waschen der Patienten dort von Service-Kräften durchgeführt, während Pflegefachkräfte mehr Behandlungsspielraum aufgrund ihrer hervorragenden medizinischen Kenntnisse haben.

 

Experten erklären diese Diskrepanz durch die verbreitete gesellschaftliche Ansicht, dass das Übertragen von mehr Eigenverantwortung an Pflegende im Klinikteam nur dann möglich sei, wenn sie eine akademische Ausbildung vorweisen können. Während Gesundheits- und Krankenpfleger (kurz: GuK) im Ausland zwischen acht und zehn akademische Semester absolvieren, dauert die schulische GuK-Ausbildung in Deutschland „nur“ drei Jahre. Ein Studium im Gesundheitsbereich in Deutschland beinhalte bisweilen nicht genug Praxiseinheiten, um mit einer Ausbildung standzuhalten. Einer Pflegeausbildung wiederum mangelte es bislang an Anerkennung. Gesellschaftlich bedarf es hierzulande einer generellen Aufwertung der Pflege – darüber ist sich nun auch die Politik einig und verabschiedete zu Beginn des Jahres 2020 das Pflegeberufegesetz. Ab sofort qualifiziert neben der Ausbildung auch ein Studium mit integriertem praktischem Anteil zum Beruf des Pflegefachmanns bzw. der Pflegefachfrau. Hochschulen können nun also nicht nur einen Beitrag zur Wissenschaft sondern auch zur Pflegepraxis leisten.

 

„Die Pflege war, ähnlich wie die Sprache, mein Schlüssel zu einem bereichernden Lebensabschnitt“

Rund 300 Studiengänge im Gesundheitsbereich werden in Deutschland angeboten. Dazu zählen Pflege, Hebammenkunde, Therapieberufe und Gesundheitsmanagement. Letzteres studiert Carolina Martinez (30) an der FOM in Frankfurt. Sie ist gebürtige Kolumbianerin und seit 2009 in Deutschland. Als die gelernte Zahntechnikerin vor über zehn Jahren ihr Heimatland verlassen hatte, waren ihre Pläne andere als heute: Auf einer Veranstaltung zu Zahntechnik-Innovationen in Kolumbien hatte sie ein deutscher Referent auf ein Au-Pair-Jahr aufmerksam gemacht. Die deutsche Sprache und Kultur zu lernen hörte sich gut und richtig an und so ergriff Carolina die Chance.

 

Als sie nach ihrem Auslandsjahr mit ihren Deutschfähigkeiten nicht zufrieden war, verlängerte die damals 19-Jährige ihren Aufenthalt um 18 Freiwillige Soziale Monate, die sie in zwei der Augustinum Seniorenheime in Bayern und Hessen absolvierte. Nebenbei besuchte sie dreimal die Woche einen Deutschsprachkurs an der Volkshochschule. Anschließend folgte die Ausbildung zur GuK an der Gesundheitsakademie in Bad Soden. „Von 25 PflegerInnen bestanden nur 20 die Probezeit“, erinnert sich Carolina. Das habe sie damals sehr schockiert – gleichzeitig war sie stolz, hatte sie doch sprachlich einen deutlichen Nachteil zu ihren Kommilitonen. „Dass ich es geschafft habe, liegt sicher auch an einer Grundeinstellung. Ich bin davon überzeugt, dass man alles schaffen kann, wenn man es wirklich will. Die Pflege war, ähnlich wie die Sprache, mein Schlüssel zu einem bereichernden Lebensabschnitt“.

 

„Von ihrem Studium verspreche sie sich vor allem, das Gesundheitssystem besser zu verstehen und es aktiv mitzugestalten“

Auch heute denkt sie noch gerne an die Zeit als Pflegerin zurück. Sie liebte den Beruf, trotz Schichtdienst, Feiertags- und Wochenendarbeit. Und dennoch orientierte sie sich erneut um, um sich weiterzuentwickeln. „Seit 2018 arbeite ich als Junior-Kundenberaterin bei der Capitalent Medical GmbH in Frankfurt“, erzählt die examinierte GuK weiter. „Meine Aufgabe ist es, den Personalbedarf an deutschen Kliniken durch qualifizierte und hochmotivierte Pflegefachkräfte zu besetzen. Leuten zu helfen ist bereichernd. Meine Möglichkeiten zu helfen haben sich nun verändert, aber es ist nach wie vor meine Leidenschaft und: ich kann Deutsch sprechen. Sprache und Pflege haben viele Gemeinsamkeiten. Die wichtigste: sie bringen Menschen zusammen!“

Von ihrem Studium verspreche sie sich vor allem, das Gesundheitssystem besser zu verstehen und es aktiv mitzugestalten. Die Akademisierung der Pflege könne dieses Ziel nur fördern.